Neues Buch von Gehirnforscher Manfred Spitzer: „Cyberkrank!“ Die (un)heimlichen Erzieher aus dem Cyberspace     

 

   

Der bekannte deutsche Gehirnforscher und Bestsellerautor Manfred Spitzer hat in seinem Anfang November erschienenen Buch „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ (1) neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen, die sogar für einen sachkundigen Kollegen erschreckend sind. Befunde aus meinem NRhZ-Artikel „Schöne neue Handy-Welt“ (2) sowie Erkenntnisse aus Spitzers letztem Buch „Digitale Demenz“ (NRhZ v. 31.10.2012) werden dadurch erhärtet und ergänzt. Damit wird deutlich, wie die skrupellos agierenden (un)heimlichen Erzieher aus dem Cyberspace versuchen, die Kontrolle über die Köpfe und das Gemüt unserer heranwachsenden Jugend zu bekommen nach dem Motto „Wer die Jugend in der Hand hat, besitzt die Zukunft“. Wie können wir diesen heimtückischen Angriff auf unsere Kinder und unser aller Gesundheit – der bereits Wirkung zeigt – vereint abwehren?  


 

Der Prophet im eigenen Land   


 

Im letzten Kapitel des Buches „Was tun?“ geht Spitzer ausführlich auf diese Frage der Schadensbegrenzung ein. (S. 318ff.) Doch zuvor äußert er sich zu seinem Motiv, weshalb er trotz persönlicher Diffamierung und Denunzierung nach Veröffentlichung seines letzten Buches „Digitale Demenz“ vor drei Jahren das Thema wieder aufgegriffen hat: „Die Datenlage zur Cyber-Pathologie im Jahr 2015 (ist) deutlich klarer als noch drei Jahre zuvor. Deshalb ist der Handlungsbedarf auch noch dringlicher, und aus diesem Grund geht dieses Buch hinsichtlich der thematischen Weite und der wissenschaftlichen Erkenntnisse erheblich über „Digitale Demenz“ hinaus. Es geht dabei nicht um Technologiefeindlichkeit, sondern um unerwünschte Nebenwirkungen – wie in der klassischen Pharmakologie.“ (S. 13f.)  

 

Sein Anliegen sei die Aufklärung: Es sei wichtig, „viele Einzelheiten zu kennen, Studien und klare Fakten. Nur dann wird man sich nicht verunsichern lassen und die Attacken der Lobbyisten überstehen. Hierzu dient Aufklärung. Und deswegen habe ich dieses Buch geschrieben“. (S. 322) „Aber auf jeden vorsichtigen Mahner“, ergänzt er, „kommen zehn bezahlte Marktschreier, so dass im Gesamtkonzept – trotz der für jeden einigermaßen wach und kritisch durch die Welt laufenden Erwachsenen offensichtlichen Fakten – Unsicherheit und Verwirrung herrschen.“ (S. 321) Hinzu kommt, dass wohl aus Gründen wie Neid und Konkurrenz, oder weil man aus der Ferne eventuell schärfer sieht, der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Ein Beispiel soll das verdeutlichen.  

 

2012 schickte ich meine ausführliche Besprechung von Spitzers letztem Buch „Digitale Demenz“ (NRhZ v. 31.10.2012), die in sechs Sprachen übersetzt wurde, mit der Bitte um Stellungnahme auch dem amerikanischen Kollegen Lt. Col. Dave Grossman, einem international anerkannten Gelehrten, Autor, Soldaten und Redner, der einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der menschlichen Aggression und der Wurzeln der Gewalt und Gewaltverbrechen ist. (3) Seine ausführliche Erwiderung begann er mit den Worten: „Der Artikel von Dr. R. H. „Frequent Use of Digital Media By Children Reduce Mental Capacity“ ist einer der besten und wichtigsten Artikel, den ich über dieses brisante Thema gelesen habe.“ Wohlgemerkt: es ging um das Buch von Manfred Spitzer! Und er schloss mit dem Hinweis: „Wir werden ernten, was wir säen bei der kommenden Generation. Bis wir auf (die Mahner) hören und aufhören, unseren Kindern den Verstand zu rauben und aufhören, ihnen das Töten beizubringen.“ (4)  

 

Virtuelle Scheinwelt Cyberspace  


 

Kommen wir zurück zu Spitzers Buch „Cyberkrank!“. Es informiert über die negativen Auswirkungen des Cyberspace. In den 1990er Jahren, als die Nutzung des Internets, die Vernetzung und die digitale Kommunikation dramatisch anwuchs, diente der Ausdruck Cyberspace zumeist als Synonym für das Internet oder spezieller das World Wide Web (www). Nach dem Duden ist der Cyberspace eine „von Computern erzeugte virtuelle Scheinwelt, die eine fast perfekte Illusion räumlicher Tiefe und realitätsnaher Bewegungsabläufe vermittelt“. (5) Spitzers Definition lautet: „Die ideelle Umgebung, in der Kommunikation über Computernetzwerke stattfindet, wird nach dem Oxford English Dictionary als Cyberspace bezeichnet. Der Ausdruck steht zuweilen auch als Metapher für das gesamte Internet. (...) Man kann es sich auch ganz einfach machen und mit Cyberspace einfach all das bezeichnen, was sich als Medium der Kommunikation zwischen Computern oder Telefonen befindet – oder Geräten wie Smartphones, die beides zugleich sind.“ (S. 54)  


 

Die (un)heimlichen Erzieher aus dem Cyberspace  


 

Wer sind die heimlichen, besser: unheimlichen Erzieher aus dem Cyberspace, die mit ihrer totalitären Ideologie, ihrer Gewaltverherrlichung, ihrer Stasi-Mentalität des Ausspähens jeglicher Privatsphäre und der totalen Kontrolle und Manipulation der Bürger sowie ihrer unersättlichen Profitgier die Köpfe und das Gemüt unserer heranwachsenden Jugend vergiften und okkupieren und unser aller Gesundheit ruinieren, wie Spitzer schreibt. Es ist eine sehr effizient im Verborgenen arbeitende erdrückende Lobby (Interessengruppe), die aus einer Allianz von milliardenschweren Herstellern und Medienmachern wie Facebook, Google, Apple oder Microsoft und der Spieleindustrie besteht (u.a. Sony Computer Entertainment, Nintendo, Electronic Arts, Activision Blizzard). Einige Beispiele sollen das verdeutlichen.  


 

Die digitalen sozialen Netzwerke zum Beispiel charakterisierte Spitzer bereits in seinem letzten Buch: „Das Internet ist voller scheiternder Sozialkontakte, die vom Vorgeben, dass man ein anderer sei, über Schummeln, Betrügen bis hin zur groben Kriminalität reichen. Es wird gelogen, gemobbt, abgezockt, aggressiv Stimmung gemacht, gehetzt und diffamiert, dass sich die Balken biegen! Wen wundert es, dass soziale Netzwerke bei den jungen Nutzern vor allem zu Einsamkeit und Depression führen?“ (6) Zwei bedenkliche Entwicklungen kommen noch hinzu: Zum einen überwacht der US-Geheimdienst CIA die sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und Co. rund um die Uhr und wertet u.a. die Mitteilungen in Internet-Chat-Rooms und überhaupt alles, was öffentlich und allgemein zugänglich ist, aus. Zum anderen

steigt bei Facebook seit einiger Zeit die Flut der dort verbreiteten und von allen Nutzern einsehbaren Hassbotschaften.   


 

Ein anderes Beispiel sind die negativen Botschaften bzw. Werte, die von den Herstellern von Computerspielen – speziell Killerspielen – der Jugend vermittelt werden. Es sind u.a. Gewaltverherrlichung, Kriegsbegeisterung, Missachtung der menschlichen Würde und des menschlichen Lebens, Fremdenfeindlichkeit und Entwürdigung der Frau. (7) Diese Unwerte überlagern und zersetzen mit der Zeit die Werthaltungen, die Eltern und Erzieher im Erziehungsprozess zu vermitteln suchen. Entwickeln Jugendliche aufgrund exzessiven Spielens ein Suchtverhalten, muss man folgendes wissen: „Die Spieleindustrie baut in ihrem Geschäftsmodell ja auf Suchtentwicklung! (...) Dieser geballten Geldgier moralisch fragwürdiger SpielEntwickler haben Kinder wenig entgegenzusetzen.“ (S. 324)   


 

Das digitalisierte Leben ruiniert die Gesundheit   


 

„Digitale Informationstechnik kann krank machen“, folgert Spitzer aus den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Besonders betroffen sei die Jugend: „Dabei gilt wie immer in der Medizin, dass die Dosis das Gift macht. Bei der Nutzung digitaler Medien haben sich die Menschen in den modernen Industrienationen längst weit von dem entfernt, was man vielleicht eine noch vertretbare Dosis nennen könnte – insbesondere was Kinder und Jugendliche betrifft. Ihr Medienkonsum beginnt heute schon, bevor sie laufen und sprechen können und steigert sich auf 7,5 Stunden bei 12- bis 16-Jährigen. Zugleich sind junge Menschen aus mehreren Gründen besonders gefährdet. 


 

Erstens sind ihr Körper und vor allem ihre Gehirne noch nicht ausgereift; sie benötigen hierfür bestimmte Bedingungen und Erfahrungen, die ihnen durch die digitalen Medien geraubt werden: vom Zusammensein mit den Eltern und Geschwistern (...) über viel Bewegung im Freien und Erfahrungen in der realen Welt bis hin zu sinnlichen Erlebnissen (...). Zweitens können junge Menschen noch nicht selbst beurteilen, was ihnen guttut und was nicht.“ (S. 318) Aus diesen Gründen werde ich die Wirkungen und Nebenwirkungen des digitalisierten Lebens auf die Jugend in den Focus rücken. Dabei muss ich mich auf einige zentralen Aspekte beschränken. Da der Autor des Buches seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr pointiert und anschaulich präsentiert, ist interessierten Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräften die Lektüre von „Cyberkrank!“ wärmstens zu empfehlen.   


 

Wenn wir überdenken, was die heutige Jugend in Anbetracht der momentanen gesellschaftlichen Veränderungen und der damit einhergehenden allgemeinen Verunsicherung geistig, seelisch und sozial verinnerlicht und damit zur Verfügung haben sollte, um in der Zukunft zu bestehen und ein erfülltes Leben zu führen, können wir vielleicht besser ermessen, was das neue digitalisierte Leben mit ihnen macht bzw. ihnen raubt. Meines Erachtens sollten die Heranwachsenden in Elternhaus und Schule u.a. mitmenschliches Einfühlungsvermögen, Gemeinschaftsgefühl, Unrechtsbewusstsein, kritisches Denken, Selbstwertgefühl, Friedensfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Toleranz erwerben. Sie sollen die Welt ja einmal in eine andere Bahn lenken. Für all das bekommen sie aus dem Cyberspace keinerlei Anleitung und Unterstützung. Ganz im Gegenteil!  


 

 Nach Spitzers Erkenntnissen werden sie bei übermäßiger Nutzung digitaler Medien süchtig, von elektronischen Geräten abhängig, chronisch gestresst, ängstlich und aggressiv, depressiv und einsam, unaufmerksam und ungebildet, unbewegt und übergewichtig. Sie vergeuden zudem viel wertvolle Zeit und haben keine Privatsphäre mehr, aber vor allem entwickeln sie keine Empathie. Das zeigt sich u.a. an der neuen Gewalt durch die neuen Medien. Spitzer zitiert hierzu das Ergebnis einer empirischen Untersuchung: „Über 90 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass sich die Gewalt unter Jugendlichen durch die neuen Medien verändert hat: Anonymität führt verstärkt zu enthemmtem Verhalten wie beispielsweise beim Cybermobbing.“ (S. 161) Abschließend die Liste der Cyber-Krankheitsbilder und Cyber-Phänomene, die Spitzer ausführlich beschreibt bzw. belegt: Cyberkrank, Cyberstress, Cybersucht, Cyberangst, Cyberchondrie, Cybersex, Cybermobbing, Cyberstalking, Cybercrime.  


 

Digitale Medien im Unterricht lenken vor allem ab   


 

Nach Spitzer fühlen sich nicht nur Eltern von den medialen Entwicklungen überfragt und überfordert, was ihre Erziehung deutlich erschwert. Auch Lehrer fühlten sich überfordert: „Die Lehrer sehen die Entwicklung ebenfalls als Problem und stehen aufgrund dieser deutlichen Risiken und Nebenwirkungen der Nutzung digitaler Medien im Unterricht eher kritisch gegenüber.“ (S. 162) Spitzers Fazit ist eindeutig: „Digitale Informationstechnik lenkt ab und schadet der Konzentration und Aufmerksamkeit. Sie behindert Bildungsprozesse, statt – wie vielfach behauptet wird – sie zu fördern. Entsprechend sind die Studien zum Einsatz von Computern im Unterricht ernüchternd bis peinlich; keinesfalls rechtfertigen sie die Investitionen in die digitale Informationstechnik.“ (S. 259)  


 

„Investitionen in digitale Informationstechnik im staatlichen Bildungsbereich stellen demzufolge eine Verschwendung von Mitteln dar, solange die Datenlage so klar ist, wie sie derzeit ist – von den deutlichen Risiken und Nebenwirkungen einmal gar nicht zu reden. An Lehrerstellen zu sparen und zugleich Millionenbeträge für digitale IT auszugeben ist verantwortungslos und bildungsfeindlich. Es kann und darf nicht sein, dass wir die Bildung der nächsten Generation – das Fundament unserer Kultur, Wirtschaft und gesamten Gesellschaft – den Profitinteressen einiger weniger weltweit agierender Firmen überlassen. Denn die Bildung junger Menschen ist unsere Zukunft.“ (S. 260) Dem ist nichts hinzuzufügen. 

 

Sich nicht an den Nachkommen versündigen  


 

Bereits in Vorwort und Einleitung seines Buches beklagt Spitzer die Ohnmachtsgefühle und Resignation vieler Eltern, die sich der digitalen Informationstechnik völlig ausgeliefert fühlen. Dies käme in folgenden Bemerkungen während seiner Vorträge zum Ausdruck: „Das ist heute einfach so. Alles ganz schrecklich, aber da kann man einfach nichts machen.“ (S. 22) Oder: „Die anderen haben das alles doch auch, und mein Kind soll kein Außenseiter werden.“ (S. 24) „Wenn die Eltern wüssten“, kommentiert Spitzer die letzte Bemerkung, „dass die Nutzung digitaler Geräte in der Freizeit genau dazu führt, dass Kinder und Jugendliche zu Außenseitern werden, wie entsprechende Studien klar zeigen, würden sie mit Sicherheit anders handeln. Schließlich wollen alle Eltern immer nur das Beste für ihr Kind.“ (S. 24) Wir dürften uns nicht an unseren Nachkommen versündigen, mahnt Spitzer. Bei der bevor stehenden Auswahl der Weihnachtsgeschenke sollten wir uns daran erinnern.  


 

Selbstverständlich sind wir der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens nicht ausgeliefert. Wir können uns gegenseitig darin unterstützen, den heimtückischen Angriff auf unsere Kinder und unser aller Gesundheit vereint abzuwehren. „Hierzu ist zuallererst Aufklärung nötig:“, meint Spitzer, „Was wissen wir? Was stimmt wirklich? Was ist Propaganda und Lobbyarbeit der reichsten Firmen der Welt, und was sind Lügen der Leute, die von diesen bezahlt werden?“ (S. 25) „Und wir können Alternativen aufzeigen, die uns allen verdeutlichen, dass es auch anders geht: (1) ohne  Erreichbarkeit rund um die Uhr; (2) ohne tausend Freunde, die wir nicht kennen und deren Nachrichten uns nur dann erreichen, wenn ein Computer es so möchte; (3) und ohne Kontrolle durch ein Gerät, das vieles kann, aber uns auch Tag und Nacht sagt, was wir tun sollen, und uns zudem besser ausspioniert, als es die Geheimdienste weltweit je konnten.“ (S. 350)  


 

Abschließend kommt Spitzer auf ein gelungenes Modellprojekt an einem bayerischen Gymnasium im April/Mai 2015 zu sprechen: „Jeder kann das tun, was ein paar bayerische Schüler auch konnten: einmal freiwillig verzichten. Man braucht nur einmal – ohne digitale Begleiter welcher Art auch immer – wandern zu gehen, eine Kanu- oder Radtour zu machen oder gar mal eine Nacht draußen im Zelt zu schlafen. Schon merkt man, wie anders die Welt plötzlich auf einen wirkt! Hält man dies erst einmal drei Tage durch, stellt sich ein ganz neues Lebensgefühl ein. Und nach einer einwöchigen digitalen Auszeit versteht man nicht mehr, warum man sich ‚im normalen Leben’ dies alles antut.“ (S. 350)      

      

(1)  Spitzer, M. (2015) Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben    unsere Gesundheit ruiniert. München.    

(2) NRhZ-­Online-­Flyer Nr. 533 vom 21.10.2015.    

(3) Lt. Col. Grossman, D./DeGaetano, G. (2002) Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?  Stuttgart.    

(4) Persönlicher Schriftwechsel vom 16.12.2012. 

(5) www.duden.de, unter „cyberspace“.  

(6) Spitzer, M. (2012) Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere    Kinder um den Verstand bringen. München, S. 128.    

(7) Hänsel, R. (2011) Game over! Wie Killerspiele unsere Jugend    

manipulieren. Berlin, S. 73.    

      


 

 

 

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